Das Kernstück des heutigen Evangeliums ist die Aussage Jesu zu einem Pharisäer über eine Sünderin: “Deshalb sage ich dir: Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie (mir) so viel Liebe gezeigt hat. Wem aber nur wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe. Dann sagte er zu ihr: Deine Sünden sind dir vergeben“ (Lk 7. 47-48). Der Evangelist bringt aber diese Kernaussage nicht in einem trockenen Lehrstück, sondern zeigt das ganze Umfeld auf, wie es sich im Leben abgespielt hat.
Pater Dr. Bernhard Anton Sirch OSB
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“Jesus ging in das Haus eines Pharisäers, der ihn zum Essen eingeladen hatte, und legte sich zu Tisch“ (Lk 7,36). Jesus hat keine bestimmte Gruppe von Menschen, etwa die Pharisäer, gemieden. Jesus ist offen für alle. Auch für die heutige Seelsorge muß gelten: der Priester ist für alle da.
Jesus geht aber nicht einfach in ein Haus und ist plötzlich da, sondern er läßt sich einladen. Haben wir Jesus oder seine Stellvertreter, schon einmal eingeladen? Die Gläubigen sollen und können Jesus oder die Priester in ihr Haus einladen, wie der Pharisäer Jesus eingeladen hat: Jesus nimmt sich Zeit, wenn er eingeladen wird.
Zur damaligen Zeit war es keineswegs so: Hier ist die Türschwelle meiner Wohnung, dort beginnt meine Privatsphäre und niemand hat darin etwas zu suchen; das Haus des Pharisäer Simon war offen für die Menschen. Es ist nicht ideal, wenn heute nur "Bürostunden" angeboten werden - was durch die Priesternot leider der Regelfall ist - , wobei viele Menschen eine Scheu haben, selbst wenn sie ein Problem haben, um ein Gespräch anzufragen. Man kann hier die Kluft sehen, die entstanden ist. Früher gab es nicht die scharfe Abtrennung. Nur so ist folgende Situation zu verstehen: „Als nun eine Sünderin, die in der Stadt lebte, erfuhr, daß Jesus im Haus des Pharisäers bei Tisch war, kam sie mit einem Alabastergefäß voll wohlriechendem Öl und trat von hinten an ihn heran. Dabei weinte sie, und ihre Tränen fielen auf seine Füße. Sie trocknete seine Füße mit ihrem Haar, küßte sie und salbte sie mit dem Öl“ (Lk 7, 37-38). Wir sehen, was sich die Sünderin traut: Die Frau weiß sich als Sünderin; dies ist bekannt und wird deswegen auch verachtet. Sie weiß auch: nur Jesus hat Verständnis für sie, zu ihm kann sie kommen; ihr ist es gleichgültig, was die anderen sagen werden. Sie geht einfach in das Haus des Pharisäers, ohne zu fragen. Die Sünderin fragt auch Jesus nicht. Sie handelt.
Zu Jesus darf jeder kommen, auch ohne anzuklopfen. Zu Jesus hat jeder, zu jeder Zeit einen Zugang. Ich möchte sie ermuntern, einfach zu Jesus zu gehen; machen sie sich auf den Weg zu Jesus. Wir können uns fragen, wo finden wir Personen, Orte, wo wir jeder Zeit hingehen können? Ich wünsche Ihnen, dass Sie einen Menschen haben, den sie jederzeit anrufen können oder zu dem sie gehen können, dem sie das, was sie auf dem Herzen haben, sagen können, wobei sie keine Angst haben müssen, was sagen die Anderen dazu.
Der Pharisäer im heutigen Evangelium sagt es nicht offen, was er denkt und was wohl viele andere denken: “Als der Pharisäer, der ihn eingeladen hatte, das sah, dachte er: Wenn er wirklich ein Prophet wäre, müßte er wissen, was das für eine Frau ist, von der er sich berühren läßt; er wüßte, daß sie eine Sünderin ist" (Lk 7, 39). Haben wir nicht die gleiche Haltung und Gesinnung Menschen gegenüber, die in der Gesellschaft keine gute Stellung haben. Vielleicht ist es gut, unser „Wissen“ über die Menschen zu überprüfen. Werden wir diesen Menschen gerecht? Ist die ablehnende Haltung die einzige Möglichkeit mit solchen Menschen umzugehen? Viele Menschen sind abgestempelt und in eine entsprechende Schublade abgelegt: als Alkoholiker, als sturer Kopf, usw., von der sie nie mehr herauskommen! Wenn sie einen Menschen "bessern" wollen, sollten sie ihn zuvor dreimal gelobt haben. Es gibt genügend Negativ-Analysten, die nichts Gutes am Anderen sehen und dem Anderen auch nicht mit Wohlwollen gegenüber treten.
Jesus versucht Brücken zu bauen, sich in den Anderen hineinzudenken, ihm gerecht zu werden. Es handelt sich um einen Menschen, um ein Kind Gottes. Die Güte, bzw. Reife eines Menschen zeigt sich vor allem, wie er mit den "Sündern", mit der Eigenart des Anderen umgehen kann. Jesus ist nicht gekommen, um zu verurteilen, abzustempeln, sondern zu verzeihen, die Schuld zu erlassen, unabhängig wie groß die Schuld ist. Jesus versucht dem Pharisäer seine Auffassung zu erklären und Verständnis zu wecken: „Da wandte sich Jesus an ihn und sagte: Simon, ich möchte dir etwas sagen. Er erwiderte: Sprich, Meister! (Jesus sagte:) Ein Geldverleiher hatte zwei Schuldner; der eine war ihm fünfhundert Denare schuldig, der andere fünfzig. Als sie ihre Schulden nicht bezahlen konnten, erließ er sie beiden. Wer von ihnen wird ihn nun mehr lieben? Simon antwortete: Ich nehme an, der, dem er mehr erlassen hat. Jesus sagte zu ihm: Du hast recht“ (Lk 7, 40-43). Es ist verwunderlich, wie scharf Jesus dem Pharisäer antwortet und sogar Vorwürfe macht; das Verhalten der Sünderin dagegen lobt: „Dann wandte er sich der Frau zu und sagte zu Simon: Siehst du diese Frau? Als ich in dein Haus kam, hast du mir kein Wasser zum Waschen der Füße gegeben; sie aber hat ihre Tränen über meinen Füßen vergossen und sie mit ihrem Haar abgetrocknet. Du hast mir (zur Begrüßung) keinen Kuß gegeben; sie aber hat mir, seit ich hier bin, unaufhörlich die Füße geküßt. Du hast mir nicht das Haar mit Öl gesalbt; sie aber hat mir mit ihrem wohlriechenden Öl die Füße gesalbt“ (Lk.7, 44-46).
Jesus ist bestrebt, dem einzelnen Menschen zu begegnen und ihn zu verstehen in seinem Leid, in seiner Not. Die Frau soll das Gefühl haben, Jesus vergißt alle Menschen um sich herum, und wendet sich allein ihr zu: „Deshalb sage ich dir: Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie mir so viel Liebe gezeigt hat. Wem aber nur wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe. Dann sagte er zu ihr: Deine Sünden sind dir vergeben“ (Lk 7, 47-48). Es ist tröstlich zu wissen: Jesus vergibt die Sünden, er erläßt die Schuld und schaut dabei nicht auf die Meinung der Menschen. Die Menschen sind oft hartherzig und können nur schwer verzeihen (Vgl. in meiner Homepage: www.pater-bernhard-sirch.de Grundgebete mit Meditationen: Vater unser: Vergib und uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern; und: Stufen der Liebe).
Die Menschen werden wegen der Vollmacht Jesu, Sünden zu vergeben, hellhörig. „Da dachten die anderen Gäste: Wer ist das, daß er sogar Sünden vergibt? Er aber sagte zu der Frau: Dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden!“ (Lk 7, 49 - 50). Auch wir können voll Vertrauen zu Jesus, beziehungsweise seinen Beauftragen, gehen, die die Vollmacht erhielten: „Empfanget den heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert“ (Joh 20, 22-23).
Jesus möchte uns den Frieden für unsere Seele schenken und sagen: „Dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden!“ (Lk 7, 49 - 50). Der Priester sagt am Ende jeder Messe: "Gehet hin in Frieden". Jesus lädt alle Menschen ein, zur hl. Messe zu kommen, dass wir seelische Nahrung erhalten durch sein Wort und Sakrament und so gestärkt werden für den Alltag, dass wir zufrieden - in dem Wort "zufrieden" steckt das Wort "Frieden" - , glücklich sind und Mut und Freude für den Alltag erhalten. Dies wünsche ich Ihnen von Herzen.
(Pater Dr. Bernhard Anton Sirch OSB ist Geistlicher Assistent der Diözesanen Mesnerverbände Österreichs und Südtirols)