Wenn man am Bankautomat Geld abheben will, dann braucht man eine passende Plastikkarte, EC-Karte genannt. Ohne die kommt man nach Schalterschluss erst gar nicht in die Bank hinein. Doch selbst wenn man sein Kärtchen in den passenden Schlitz geschoben hat, gibt’s noch lange kein Geld. Man kann soviel auf den Tasten herumtippen, wie man will – der Automat bleibt einfach stur und verweigert beharrlich jegliche Zusammen-arbeit. - Das weiß bei uns doch fast jedes Kind: ohne das Eintippen der richtigen Geheimzahl geht da gar nichts, genau wie an der Kasse beim Einkauf. Und vom Computer kennen wir es auch: Wer das richtige Passwort nicht weiß, der kann das Gerät womöglich überhaupt nicht starten.
Haben Sie eigentlich schon bemerkt, welches Passwort uns heute im Evangelium verraten worden ist? – Wahrscheinlich haben Sie es überhört, das heißt: Sie haben es zwar mit den Ohren gehört, ihm aber nicht die nötige Beachtung geschenkt. Das gesuchte Passwort heißt „Papa“!
Gleich mehr dazu, jetzt erst einmal schön der Reihe nach. Jesus ist wieder einmal ganz intensiv im Gebet. Seine Jünger warten in der Nähe. Als Jesus damit fertig ist, hält einer es nicht aus und bittet Jesus: „Herr, lehre uns beten, wie schon Johannes seine Jünger beten gelehrt hat.“
Oft genug haben sie mit ihm gebetet, und als Juden haben sie viele Gebete auswendig gelernt und immer wieder gesprochen. Doch sie sehen: Das Gebet Jesu ist dagegen unglaublich konzentriert, anders als die vielen Sätze, die man immer wieder aufsagt.
Da ist es nur verständlich, wenn man Jesus um eine Art Anleitung bittet, wie man denn nun am besten beten soll. Worauf soll man denn besonders achten, wenn man zu Gott spricht? Und wenn ich Gott bitte, um was darf ich ihn überhaupt bitten?
Jesus geht sofort auf die Frage ein. Und wie wir das von ihm gewöhnt sind, hören die Jünger von ihm jetzt keine abstrakte theologische Abhandlung, z.B. über die verschiedenen Formen des Gebetes.
Jesus wird dagegen ganz konkret: „Da sagte er zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Vater, dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen. Und erlaß uns unsere Sünden; denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist. Und führe uns nicht in Versuchung.“
Da haben wir es also, das Vaterunser. Wir sprechen es normalerweise allerdings etwas ausführlicher in der Fassung, die man im Evangelium nach Matthäus findet. In den ersten Jahren der Christenheit gab es also zwei Versionen, bis die längere sich durchgesetzt hat.
Erinnern Sie sich noch an das Passwort? Dieses Passwort, das Jesus hier verrät, heißt „Papa“. Natürlich steht in der Übersetzung, die wir eben gehört haben: „Vater, dein Name werde geheiligt.“
Vater – das klingt insbesondere für die Menschen damals nach einer würdevollen Respektsperson, weit entfernt von den wirklichen täglichen Nöten seiner Kinder. Ein Patriarch ist das meistens, ein Familienoberhaupt, das ab und zu mal auf den Tisch haut und sagt, wo es lang geht. Ansonsten will er seine Ruhe haben und allerlei für ihn Wichtigeres tun.
Genau solch eine Sorte Vater meint Jesus eben nicht! - Genau hier liegt das Passwort, oder wenn man so will, der Schlüssel zum Verständnis des Vaterunsers.
Der Vater, den Jesus auch gerne „Abba“ nennt, also Papa oder Papi, ist von ganz anderer Art. Er ist nicht einmal lieb und dann mal wieder nicht, wie das bei unseren menschlichen Launen passieren kann. Dieser himmlische Vater, zu dem wir beten, ist nicht nur lieb, sondern er ist durch und durch Liebe, und das ist ein ganz gewaltiger Unterschied!
Jesus lehrt es uns: Wenn ihr betet, dann sprecht Gott zu Anfang mit „Vater“ an. Aber plappert das nicht so hin, sondern achtet auf eure Worte. Wenn ich „Vater“ sage, dann bekenne ich damit gleich zu Beginn:
Ja, ich weiß und freue mich darüber - Du bist unser aller himmlischer Vater. Und wir alle sind damit deine Kinder, sind von deiner Art, von dir gewollt und geliebt. Wir gehören zu dir. Deine Vaterschaft macht alle Menschen zu Brüdern und Schwestern. Alles, was wir sind und was wir haben, ist letztlich von dir.
Jesus sagt, wie wir weiter sprechen sollen: „Vater, dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme.“ – Das also soll unser innigster und erster Wunsch sein, dass Gottes Name hier auf Erden schon geheiligt werde. Das heißt, dass Gott hier bei uns auch wirklich die ganze Ehre zukommt, die ihm gebührt. Wir bitten in diesem Satz des Gebetes also darum, dass Gottes Heiligkeit schon auf Erden erstrahlen soll; dafür möge er sorgen.
Einen zweiten Hauptwunsch sollen wir im Gebet vor Gott tragen: Sein auch auf Erden schon angebrochenes Reich soll doch kommen, soll doch zu allen kommen, soll allen sichtbar, erkennbar werden und sich in den Herzen der Menschen immer mehr ausbreiten.
Wer so betet, der hat für sich bereits anerkannt: Gott meint es unendlich gut mit uns. Seine Herrschaft, sein Reich ist der größte Schatz und Segen für uns. Je mehr sein Reich sich schon hier auf Erden durchsetzt, desto
besser ist es, desto mehr Heil geschieht uns.
Wenn ich dagegen meine, mich ohne Gott selbst verwirklichen zu können, ist das heillos und dumm. Gott herrscht doch nicht über mich, sondern für mich. Ich muss ihm dafür nur wirklich mein ganzes Vertrauen schenken.
Einen Vater, der mich so über alle Maßen liebt, den kann ich wirklich gerne und aus voller Überzeugung an die erste Stelle setzen, in meinem Leben und im Gebet.
Eine ganz handfeste, praktische Bitte soll sich diesen beiden Hauptbitten anschließen. Wir sollen beten: „Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen.“ - Wer so betet, der bekennt zuerst einmal für sich selbst:
Ich lebe nicht als Folge meiner Leistung. Dass es mir in diesem Land, an diesem Ort recht gut geht, das ist nicht wirklich mein Verdienst. Mein Leben wurde mir geschenkt, und auch mein ganzes Drumherum.
Das könnte auch ganz, ganz anders aussehen. Daher kann ich nur dankbar sein für jeden Tag, den ich erleben kann, den ich satt bin, den ich mich freuen darf.
Ich bin mir dessen bewusst, dass ich alles Lebens-notwendige habe, und das ist eben nicht selbst-verständlich. Um dieses Lebensnotwendige darf und soll ich Gott jeden Tag dankbar sein und ihn für den nächsten Tag darum bitten, dass er für mich sorgt.
Für mich? Wer genau hinschaut, der merkt schnell, dass hier und bei den nachfolgenden Bitten immer von uns die Rede ist. Nicht mein kleines, feines, privates Glück steht für mich als Christen im Mittelpunkt des Gebetes, sondern das Glück aller Gotteskinder!
Wenn ich auf Gott schauen will, muss ich also zuerst auch nach links und rechts schauen, gewissermaßen auf meine Nachbarn. Auch sie sollen das bekommen, was sie zu einem menschenwürdigen Leben brauchen, Tag für Tag.
Darum bitte ich Gott von ganzem Herzen. Es versteht sich wohl von selbst, dass ich von meinem Überfluss denen abgebe, die es brauchen. Wer Gott wirklich liebt, für den ist das selbstverständlich und gar kein Thema.
Jesus lehrt nun den nächsten Satz des Vaterunsers. Er heißt: „Und erlaß uns unsere Sünden; denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist.“ – Haben Sie genau hingehört? Dann haben Sie auch gemerkt, wie
folgenreich das Vaterunser ist!
In jedem Vaterunser bekennen wir vor Gott, dass wir Schuld auf uns geladen haben. Wir haben eben keine weiße Weste, auch wenn wir gerne so tun. Doch Schuld, die man mit sich herumschleppt, wird zur schweren Last, die nicht nur auf die Schultern drückt, sondern auch auf’s Herz.
Jesus lädt uns dazu ein, jeden Tag vor Gott unsere Schuld zu bekennen und ihn um das Geschenk seiner vergebenden Liebe zu bitten. Ich muss ihm meine Schuld bringen, damit er sie dann mit Liebe und Erbarmen füllen kann.
Doch wenn wir Gott bitten, uns zu vergeben, dann heißt das mehr als bloß: „Lieber Gott, tu mir bitte nichts!“, sondern es heißt vor allem: „Schenke mir neu von deiner Liebe, ohne die ich nicht leben kann!“
...aus Platzgründen: komplette Predigt leider nur in "MEIN PREDIGTGARTEN" - www.predigtgarten.blogspot.com